ZELLERMAYER
eMail   Kontakt   Home  
Galerie Künstler A-Z Biografien Kataloge Skulpturen Fotografien Kunst am Bau
Ausstellungen
Aktuell
Vorschau
Rückschau
Werke
Künstler A-Z
Galerie
Messen / fairs
Texte
Kontakt
Standort/ location
 ANKAUF
  LANGE,   Thomas Werke 1 Werke 2 Werke 3 Skulptur Biografie Katalog Texte  
  Orpheus und Eurydike
Ausstellungen
Bibliografie
     
Die Mysterien des Orpheus
Die wiedergefundene Zeit
Über Lange
JAZZBILDER - Wynton Marsalis Homage

Die Mysterien des Orpheus
Thomas Lange

Warum verliert Orpheus Eurydike? Warum bricht er den mit den Göttern der Unterwelt geschlossenen Vertrag, indem er sich entgegen der Abmachung beim Verlassen des Hades noch einmal nach ihr umdreht. Warum tat er dies und verlor sie damit endgültig? Wessen wollte er sich vergewissern, ihrer Existenz, ihrer Schönheit oder ihrer Aufmerksamkeit? Oder wollte er sich weiterhin seines eigenen Bildes sicher sein, welches er sich von ihr machte, seine Projektion?

Kniff er leicht die Augen zusammen, weil seine Vorstellung von Eurydike, von ihrer eigenen Erscheinung, ihrer Sicht der Dinge verdrängt wurde, um sich ein verschwommenes Bild zu verschaffen, gleich einem Maler, der sich sicher ist, ein schlechtes Gemälde geschaffen zu haben, aber um sich dies nicht eingestehen zu müssen, halb die Augen schließt, um ein Besseres zu entwerfen, den Raum verdunkelt und versucht seine Gedanken den Dingen aufzuzwingen, auf dass sie sich in der von ihm gewünschten Weise verändern?

Als ob er sich seine Vision von der Geliebten bestätigen wollte, versucht er, sich zu vergewissern, ein letztes Mal Ordnung in das Reich der Poesie bringen zu können und zerstört damit das, was er doch am meisten begehrt hatte.

Er verstand nicht, oder zu spät, dass sich Leben nur dort befindet, wo Bewegung die Ursache ist, dass die Schöpfung aus dem Chaos kommt und der Tod aus der Ordnung.

Der Verlust des Lebens geschieht durch die Ordnung, die ihn verhindern wollte. Das berühmte Foto der Familie, der Geliebten oder des Rennpferdes in der Brieftasche, was anderes als Verlust birgt es in sich; denn wenn ich dich im Herzen trage, warum sollte ich dich ins Portemonnaie zwängen?

Den Anruf, gestern, die Nachricht die sie auf den Anrufbeantworter hinterließ, hat er mit einer anderen auf ihrem beantwortet, die wiederum am nächsten Tag mit einer neuen Nachricht ihrerseits auf seinem erwidert wurde. Er hat ihr darauf hin ein Fax gesandt, welches von ihr mit einer e-Mail beantwortet wurde.

Er fragt sich bis heute – da er sie nicht erreichen konnte – warum er sich nicht einfach auf den Weg zu ihr gemacht hatte, ihre Wohnung lag ja ganz in der Nähe seiner, zu Fuß erreichbar.

Da er sie also aus unerfindlichen Gründen nicht erreichen konnte, hatte er sich ein letztes Mal nach seiner Vision von ihr umgedreht, im Pornoprogramm des Internet geblättert und sie für immer verloren.

Vom Softwareprogramm für den Kubus, das B entworfen hatte, wusste A gerade soviel, dass er sich um die verschiedenen Öffnungen kümmern konnte, C hingegen übernahm das hydraulische Programm. A kannte weder B noch C, C weder A noch B, B weder A noch C. Keiner von ihnen hatte den Kubus, an dem sie arbeiteten je gesehen oder betreten, aber die drei hatten sich schon einmal am Ausgang einer Tropfsteinhöhle getroffen, ohne voneinander zu wissen, dass sie am selben Projekt arbeiteten. Hätten sie voneinander gewusst, wäre zwischen ihnen nicht etwa eine Verbindung entstanden, sondern ein doppelter Verlust. Auf der einen Seite das Verlustgefühl über die versäumte Möglichkeit, voneinander gewusst zu haben, obwohl man all die Jahre für die gleiche Sache gearbeitet hatte, und auf der Anderen der Selbstzweifel an der Beschreibung der eigenen Vergangenheit. So hat sich zwar jeder von den dreien nach dem anderen umgedreht, aber die virtuelle Brille des Autismus aufbehalten und am Ende bei sich und den anderen vollzogen, was sich schon vor langer Zeit ereignet hatte, sich und die anderen verloren.

zum Seitenanfang

Thomas Lange:
„Wer die Vergangenheit nicht vergißt, schaut in die Zukunft“
Zellermayer Galerie Berlin
Ausstellung vom 25. Oktober – 15. Dezember 2000

Die wiedergefundene Zeit
Heimo Fette
Reisen zu vertrauten Orten sind Reisen in die eigene Vergangenheit.

Schon die Vorlagen sind alt, veraltet, bruchstückhaft: Vergilbte Postkarten von Stätten, Fotos von Gebäuden.... leicht oder mühsam erkennen wir Berühmtes wieder – das Trajansforum, den Dogenpalast, die Uffizien, ein Prunkgrab auf dem Genueser Friedhof.

Aber diese Gefäße der Erinnerung sind wie in Strudel und Treibsand der Zeit geraten – zerstört, verätzt, brüchig geworden, um nun (vom Künstler) wiedergefunden zu werden als Ausgangspunkt der Reise durch den Zeittunnel.

Immer ist da ein Mensch, - der Mensch, flüchtig bisweilen wie ein Schatten, groß wiederum und licht, realistisch sogar, aber dann lamellenartig unkenntlich gemacht; er bleibt das Faszinosum gerade in seiner wandelbaren Gestalt!

Auf unser Ebenbild projiziert wird Vergangenes vor dem Vergessen und Verschwinden bewahrt, wird nicht nur zurückgeholt in das Jetzt, sondern findet Erlösung in der Verheißung der Zukunft.

Welch Wunder unserer Phantasie, daß wir diese nostalgische Reise nachvollziehen können, daß wir Einheit erspüren, wo eine unbewußte Segmentierung stattgefunden hat, das uns transparent erscheint, was überlappt war von Nebensächlichem, was schlechthin atomisiert war - wenn auch mit wunderbarer Patina – so steht es nun kristallin vor uns.

Dieser collagenhafte Zyklus, den Thomas in wenigen Wochen des ausgehenden Jahrhunderts schuf, ist positive Hysterie des Aufbruchs, Monolog und Dialog zugleich.

Reisen nach Pompeji sind Reisen der Raumfahrt! 

Suche nach Zusammenhängen, Bedeutungen von Formen und Farben (kaltes Gelb, Orange, zartes Rot und kühles Blau), Suche nach Innenansichten, verheißen Wiederfindung von inneren Ansichten wie nach archäologischer Tat.

„Erinnerung, jetzt zeige Deinen Adel.“1)
Wenn wir im Anonymen das Persönliche entdecken, erkennen wir in dieser Welt auch uns selbst!
1) Dante
zum Seitenanfang

Über Lange
Thomas Lange

geb. 1957 in Berlin
lebt und arbeitet in Berlin und Italien

Thomas Lange gehört zeitlich zur Zeit der Jungen Wilden, (allerdings in der Rolle eines Außenseiters) mit denen er als junger Künstler an wichtigen Ausstellungen teilnimmt (Bildwechsel, Gefühl und Härte, Germinations). Seit der Zeit der Teilnahme an der von Thomas Krens im Guggenheim Museum New York veranstalteten Sicht zeitgenössischer deutscher Malerei unter dem Titel „Refigured Painting The German Image“ im Jahr 1988 ist der kunsthistorische Zusammenhang deutlicher geworden, was dem Verständnis der Komplexität seines Werkes zugutekommt.

Ausstellungsprojekte und –themen locken ihn in die Ferne. Er stellt in New York, Tokyo, Paris, London, Brüssel, Florenz, Berlin, Budapest oder Istanbul aus. Bevorzugt sind aber Italien, „weil Kultur und Tradition dort lebendig sind“ und Deutschland, die Länder, in denen er lebt und arbeitet. In Italien sucht er auch die Konfrontation mit anderen Welten, wie mit der Ausstellung „Tuscia – la realtà di un sogno“ im Kloster San Giovanni in Orvieto. Dabei interessiert ihn der Ausflug in die Vergangenheit „die Vertreibung aus dem Paradies“ genauso, wie Überlegungen zur Zukunft „Werkstatt Europa“.

1) Dante
zum Seitenanfang

JAZZBILDER - Wynton Marsalis Homage
Thomas Lange

Wenn ich zeichne schaue ich Fernsehen, wenn ich male höre ich Musik: Monteverdi, Marianne Rosenberg, Alban Berg oder Willibald Gluck, Verdi gegen Wagner, Rachmaninow und Algerich oder Bach, Glenn Gould und Wynton Marsalis. Bach, Bach, Bach und wem bei der Ouvertüre von Mozarts Zauberflöte nicht die Tränen kommen, hat ein Herz aus Stein. Das 5. Klavierkonzert Beethovens gespielt von Rubinstein oder ein jazziger Chopin von Horowitz. Ich verstehe die Kritik an Verdis Requiem, das es zu bombastisch, zu theatralisch oder zu operettenhaft geraten, Kitsch und damit dem Thema angemessen sei. Aber was für ein göttlicher "Kitsch", welch ein Wurf und welch ein Tempowechsel zwischen Schrei und Schweigen, der die ganze schizophrene Bipolarität meines Daseins wiederspiegelt und die ganze Verwerflichkeit meiner unerreichbaren Fantasien.

Einerseits bin ich neidisch und anderseits überheblich gegenüber der Musik und den Musikern. Neidisch auf den Applaus, überheblich gegenüber der Vergänglichkeit des musikalischen Augenblicks und der gegenständlichen Überlegenheit des künstlerischen Ereignisses eines Bildes hinsichtlich der Abstraktheit des nur Erfühlbaren und nicht Erfassbaren der Musik. Aber hier beginnt der Neid. Wie profan erscheint ein gemaltes Bild gegenüber der unbegreiflichen Göttlichkeit einer Melodie, eines Klangs! Platon beschreibt diese Idee in seinem Höhlengleichnis, in dem der Mensch als ein Wesen beschrieben wird, das in einem Brunnen lebt und die Welt nur als Schatten des von oben einfallenden Lichtes einer unsichtbaren Sonne wahrnimmt, aber nicht die Dinge selbst, also die Ur-Idee der Welt. Danach kam sein Schüler Aristoteles, der die Schatten rehabilitierte und zum eigentlichen Sinn erklärte: Es lebe das (Spiegel-)Bild, es lebe die Musik! Den Gedanken der wahren, unsichtbaren Idee nimmt später Nietzsche auf, indem er die Musik zur höchsten spirituellen Form aller künstlerischen Ausdrucksformen erklärt. Die Kunst der Musik als kosmische Erfüllung sphärischer, sich in strudelnden Bewegungen in die Unendlichkeit des Raumes verlierender Klänge und damit als die unmittelbarste Nähe zum Göttlichen.

Aber wie das Licht die Dunkelheit braucht, um Licht zu sein, braucht die Abgehobenheit der Musik die profane Zweidimensionalität des Bildes, wie das Bild, dessen wahre Geschichte auch hier in der Ahnung eines unsichtbaren Bildes unter der eigentlichen Oberfläche liegt, die Skulptur in ihrer Dreidimensionalität. Die Reihenfolge von "Unten" nach "Oben" beginnt mit der Skulptur als "wahren", anfassbaren Gegenstand, geht dann weiter zum Bild, das zumindest eine ertastbare Oberfläche bietet, obwohl das eigentliche erst im Kopf entsteht und erreicht ihren Höhepunkt in der totalen Sinnesabstraktheit der Musik, die in ihrer Form nicht nur nicht allein im Kopf, sondern darüber hinaus in einem angenommenen, aber nie zu sehenden Kosmos entsteht. Hier überwältigt das gemeinsame Erleben von musikalischen Ereignissen so sehr im wahrgenommenen Augenblick, wie nach dem Abklingen der Musik ein Gefühl der Leere und des Verlassenseins entsteht. Die Angst davor, dass die Noten verlorengehen könnten, bewirkt die gleiche Trauer, die mich beim Betrachten von Tierfilmen überkommt. Wird es diese Tiere in 20, 40, 50,100 oder 1000 Jahren noch geben, wird mein Bild noch gesehen werden und werde ich wiedergeboren?

In den 70er Jahren gab es für Schüler in West-Berlin günstig Konzertkarten über das Theater der Schulen zu beziehen, unter anderem auch für die Berliner Jazztage (später Jazzfestival Berlin). Wir nutzten die Möglichkeit und erlebten Konzerte mit Duke Ellington, Ella Fitzgerald, John Lee Hooker, Barney Kessel, Erol Garner, B. B. King, Charles Mingus, Thelonius Monk etc. Damals gab es noch das Quartier Latin, ein ehemaliges Kino auf der Potsdamer Straße (heute ein Cabaret), und man wusste, dass nach Ende der Konzerte der Jazztage (in der Philharmonie) im Quartier Jamsessions stattfanden: u.a. B. B. King, Jon Lee Hooker, Barney Kessel und Charles Mingus in einem Wurf! Charles Mingus, noch heute ein Gott für mich, mit mir in der gleichen Schlange am Tresen, mit mir angestoßen, mit mir geredet und mir auf die Schulter geklopft, ja das war einmal, das war meine Heimat: West-Berlin!

Ich war im (längst wiedervereinten) Berlin, als Carsta Zellermayer mich anrief, Wynton Marsalis sei in der Galerie in meiner Ausstellung und wollte mich kennenlernen! Wynton Marsalis, Weltstar, Jazztrompeter Nr.1 und Autor einer Musik, die ich nächtelang im Atelier hörte, mit farbverschmierten Händen seine CDs immer wieder aufs Neue einlegte, die "Lieblingsstelle" immer wieder zurückspulte, eine Musik-Figur entwarf und den Pinselauftrag umformte, indem ich mir eine innere Freundschaft mit dem Musiker einbildete. Armstrong, Dizzy Gillespie, Stan Getz, Miles Davis, Freddy Hubbard und nun Wynton Marsalis, Direktor des Lincoln-Centers New York, eine Reihenfolge der Giganten.

Und dieser Marsalis, diese Einbildung schlafloser Atelier-Nächte wurde real und wartete auf mich in der Galerie mit seinen beiden Söhnen und einem sizilianischem Jungtalent am Saxophon, der für drei Monate mit den Marsalis durch die Welt zog. Ich zeigte ihm meine Bilder und Zeichnungen, wir tranken Kaffee, fanden uns sympathisch und in mir reifte die Idee, eine Serie über Marsalis zu zeichnen am neuen Thema "Apokalypse" zu arbeiten.

Der eigentliche Titel wurde dann "Melodia Apocalittica", denn das Thema der Apokalypse, ausgehend von der Johannesoffenbarung und den 15 Holzschnitten Albrecht Dürers, beinhaltet nicht (nur) den Schrecken sondern die Hoffnung auf einen Neuanfang, der sich in kosmischen und musikalischen Schwingungen einer tibetanischen Mandala gleich ankündigt. Kunst verkörpert in poetischer und spiritueller Form die immerwährende Suche des Menschen und die Hoffnung, den Tod, die Leere, das Nichts und die Einsamkeit zu exorzieren. Das Antlitz der Kunst stellt sich als ewige Erinnerung übernatürlicher und außerirdischer Dimension dar. Die Apokalypse ist nicht das Ende, nicht der Tod, nicht der Schrecken des Nichts und auch nicht die Erschöpfung des Jüngsten Gerichts: Sie ist die Vollkommenheit des Kosmos, der spirituellen Reinheit und der rhythmischen Schwingungen des Jazz.

Hier entsteht das Wunder: Der Mikrokosmos wird Makrokosmos! Die Musik von Wynton Marsalis hilft mir, über die Langeweile der Ignoranz, die Angst vor dem Leben und damit über den Tod selbst hinauszugehen.


gogo
  zum Seitenanfang © ZELLERMAYER Galerie.Ludwigkirchstrasse 6.D-10719 Berlin.Fon (+49) 030 / 883 41 44.Fax  (+49) 030 / 883 73 16.http://www.zellermayer.de